12 Şubat 1998

Die Türkei nabelt sich langsam von Europa ab

Stuttgarter Nachrichten, 12.02.1998

Nach dem Brüsseler Nein zum EU-Beitritt besinnt sich Ankara auf eigene Stärken / Von Ahmet Arpad

Stuttgart/Istanbul - Allen Unkenrufen aus dem europäischen Ausland zum Trotz, steht die Türkei politisch und wirtschaftlich auf festen Füßen.


Im Knotenpunkt der Weltgeschichte, im Schmelztiegel der Kulturen leben seit über 1000 Jahren verschiedene ethnische Völkergruppen friedlich zusammen. Die anatolische "Erleuchtung" hat sie immer zusammengehalten. Dieses gegenseitige Akzeptieren, leben und leben-lassen, die gemeinsame Sprache und Religion war und ist die wundersame "Knetmasse" der türkischen Nation.

Bundeskanzler Helmut Kohl hat vor kurzem, bewußt oder unbewußt, gesagt: "Die Türken sind von einer anderen Hochkultur!" Recht hat er. Schon im 20. Jahrhundert vor Christus herrschten in Kleinasien Hochkulturen. Und in Europa? Wer das wunderbare Museum für anatolische Kulturen in Ankara besichtigt, wird Kohl besser verstehen.

Anatolien ist wie ein richtig zusammengesetztes Puzzle. Es fällt seit Jahrtausenden nicht auseinander. Die Türken, die Anatolier, sind Kinder verschiedener Hochkulturen, die durch Kleinasien gezogen sind. Dieses Erbe, das in jedem anatolischen Menschen steckt, hält sie zusammen. Als Atatürk 1923 die Türkische Republik ausrief, hatte er daher eigentlich ein leichtes Spiel. Er mußte gar nicht erst aus den verschiedenen ethnischen Völkergruppen eine Nation bilden. Das waren sie ja schon seit Hunderten von Jahren. Seine Reformen wurden begeistert aufgenommen. Die Tür zu Europa hatten 100 Jahre vor ihm die Sultane geöffnet. Durch seine westlich orientierten Reformen machte er sie nur weiter auf. Es kam nicht von ungefähr, daß am 10. November 1997, dem 59. Todestag Atatürks, eine Million Menschen an seinem Grab standen.

Ein Fremder, der die Türkei bereist, erlebt überall Gastfreundschaft und Herzlichkeit. Die Türen stehen ihm offen. Offenheit, Gelassenheit, Friedfertigkeit und Ruhe prägen die große Mehrheit der Türken. Daß die türkische Nation aus vielen ethnischen Völkergruppen besteht, merkt nicht einmal der Einheimische selbst. Sie ist gut zusammengewachsen. Türke zu sein ist für ihn selbstverständlich. Der Bauer aus Urfa versteht sich mit dem Hirten aus Kars genausogut wie der Kaufmann aus Van mit dem Lehrer aus Izmir. Diese zwischenmenschlichen Beziehungen sind einfach zu beneiden. Der innere Friede hält die Menschen der Nation, das Volk zusammen.

Wer aber mit Hilfe seiner Fernbedienung durch die unzähligen deutschen TV-Kanäle zappt, täglich die Zeitungen durchblättert, erlebt zur Zeit ein total anderes Bild von der Türkei. Man erzählt, entscheidet, bestimmt, diskutiert, schreibt und kommentiert über das Land am Bosporus mit Unverständnis. Was war passiert? Die EU hatte im Dezember der Türkei die Tür zu Europa zugeschlagen, und die neue Regierung in Ankara reagierte in einer für Brüssel ungewohnten Weise. Es kamen zum erstenmal selbstbewußte, kritische Worte aus der türkischen Hauptstadt. Brüssel holte zum Gegenschlag aus. Die Politiker ließen sich die türkische Kritik nicht gefallen, und auch die Medien, die gerne nach dem Prinzip "nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten" arbeiten, schlugen zu. Die deutsch-türkischen Beziehungen erlebten in der Folge einen nie gekannten Tiefpunkt. Woher aber kommt auf einmal dieses große "Interesse" an einem Land, das man vor kurzem abgewiesen hat?

Und was man nicht alles hört und liest. An Ideen mangelt es den deutschen "Türkei-Experten" nicht: "Atatürk hat schwerwiegende Fehler gemacht. . . Ethnische Minderheiten akzeptieren. . . Diyarbakir ist die Hauptstadt Kurdistans. . . Mit den Islamisten und Kurden Kompromisse schließen... Im Osten herrscht Krieg. . . Der kurdische Aufstand ... In der Türkei wächst Haß und Polarisieriung. . . Die Türkei muß föderal gegliedert werden. . .

Auch die Grünen hatten natürlich eine "gute" Idee: "Die Türkei braucht eine Kantonalregierung nach Schweizer Modell . . ." Den größten Vogel aber schoß der Korrespondent einer großen süddeutschen Zeitung ab. Er prophezeite für 1998 das Ende der Türkischen Republik! Einmischen in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates, Pressefreiheit - hier wurden in den letzten Wochen die Grenzen mehrmals überschritten. Kompromisse mit den Islamisten? Mit eben denen, die die Demokratie für ihr Fernziel - den Gottesstaat Türkei - ausnutzen? Kaum wurde ihre Partei aus verfasssungsrechtlichen Gründen verboten, übertreffen sich "die Experten" gegenseitig an Kritik und fordern Kompromisse.

Warum das alles? Warum diese Überreaktion? "Eigentore" gibt es nicht nur beim Fußball. Wer alles hat Interesse daran, die Türkei zu einem "Problemfall" zu machen? Kann man einfach sagen: "Wo keine Probleme sind, macht man sich welche?" Die Türken - hie und da - werden allmählich den Verdacht nicht los, die unerwartet selbstbewußte Außenpolitik von Mesut Yilmaz und Bülent Ecevit schmeckt den deutschen Politikern nicht. Glaubt man in Bonn vielleicht, diese Türkei würde den Europäern bald aus den Händen gleiten?

Nationaler Zusammenhalt und uneingeschränkte Selbständigkeit sind Grundprinzipien des Kemalismus. Wer hat davor Angst? Neuerdings werden Intellektuelle, die diese tragenden Pfeiler der Nation und des Staates vor "Angreifern" schützen müssen, von manchen deutschen Kolumnisten einfach als "radikale Kemalisten" abgestempelt. Für sie gibt es also auf einmal "Kemalisten" und "radikale Kemalisten"! Interessant, sind doch für solch trennendes Gedankengut sonst die Anhänger islamischer Sekten zuständig.

Der Knotenpunkt der Kontinente ist auch nach 4000 Jahren "brisant". Die Länder der arabischen Halbinsel sind Garanten dafür, daß in den westlichen Industrieländern und Japan die Wirtschaft läuft. Die Staaten am Kaspischen Meer und die Turkrepubliken Zentralasiens sitzen auf reichen Erdöl- und Erdgasvorkommen. Die Türkei pflegt seit einiger Zeit sehr intensive kulturelle und wirtschaftliche Kontakte zu diesen Ländern. Pipelines Richtung Europa werden auch durch Kleinasien laufen, noch mehr Öltanker durch die türkischen Meerengen den Westen erreichen. Das Land am Bosporus sitzt selber auf reichen Bodenschätzen und Erdöl, hat die größten Wasserquellen der gesamten Region. Hunderte Milliarden von US-Dollar sind und werden im Südosten für Staudämme und Stromerzeugung investiert.

Große, erfolgversprechende Projekte für ein hohes Wirtschaftswachstum in dieser Region hat Ankara kürzlich bekanntgegeben. Großindustrielle aus der West-Türkei investieren im Osten. Immer weniger arbeitsuchende Menschen wandern in andere Landesteile. Der karge Südosten wird ständig grüner.Die Bemühungen von Yilmaz und Ecevit, die Türkei in der Welt der neuen Ordnung in einer möglichst eigenständigen Rolle zu präsentieren, sind unübersehbar. Zuvor müssen allerdings noch einige "Steine" aus dem Weg geräumt werden. Das brüske Verhalten der EU-Länder hat die Türkei selbstbewußt gemacht. Das Land am Bosporus nabelt sich langsam ab. Auch wenn das manchem in Deutschland nicht schmeckt.

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